Femme

Wir müssen kämpfen, weil wir sind, wer wir sind.

Zürich, Mittwoch, 13. Mai, 19:32 Uhr

Auf dem Weg zum Bahnhof,
entlang der dichtbefahrenen Hohlstrasse,
zu Fuss,
weil Tram verpasst.
Es ist noch hell.
Ich hör laut Musik.
Muss mich beeilen.
Der Mann
hinter mir
auf dem Fahrrad,
im Augenwinkel sehe ich,
wie er mich von oben bis unten mustert,
zu langsam vorbeifährt.
Sein Gesichtsausdruck war unverfroren,
schamlos.
Vielleicht sogar etwas rechthaberisch.
Leichtes sirnrunzeln,
leichter Ärger,
aber keine Zeit.
“Er ist ja weg.”
An der nächsten Ecke,
ich nehme sein Fahrrad,
im ersten Moment
nicht bewusst wahr,
ich laufe zielstrebig,
dann dieses Gefühl,
ich dreh mich um,
er ist wieder da,
er fährt hinter mir,
nah,
zu nah,
starrt auf mein Hinten,
auf meine Rückseite,
die unter der Gürtellinie,
starrt weiter,
als ich ihn anstarre.
Er fährt
sehr
langsam.
Meine Kinnlade fällt runter.
“Fahr weiter!”
“Na los!” (mit Handgeste)
“Fahr weiter!” (lauter, mit Handgeste)
“Das macht man nicht!” (dass ich das erklären muss…)
“Fahr weiter!” (bleibe stehen)
Ich muss stoppen,
damit er überhaupt auf die Idee kommt,
mich zu überholen.
Er tut es,
mit einem breiten Grinsen,
nach wie vor unausstehlich gemächlich,
mich immer noch musternd.
Ich scheuche weiter mit meiner Hand.
Entrüstet im Moment.
Im Nachhinein enttäuscht.
Mit hängendem Kopf ging ich weiter.
“Mann!” (zu mir selber)
Das hat mir echt die Laune verdorben.
Diese provokante Frechheit.
Ja, das war provokant.
Nicht, wie ich unterwegs war,
wie ich jeden Tag unterwegs bin.
Nicht, was ich anhatte,
was ich jeden Tag anhabe.
Dieses hämische Grinsen…
Für dieses hämische Grinsen
gibt es kein Recht.
Es ist unrecht.
Es ist eine Demütgung,
dabei geht’s hier gar nicht um meinen Stolz.
Es ist beschämend,
obwohl ich mich nicht schämen muss,
ich zu sein.
Es ist eine Blossstellung,
ohne, dass ich irgendwelche Blösse gezeigt hätte.
Es ist
elend.

Echt jetzt.

Ich habe die Geschichte schon mal jemandem erzählt:
“Naja, kann man ihm fast nicht übel nehmen.
Ist ja ein guter Anblick bei Dir.”
Das war als Kompliment gemeint.
Ich konnte nicht danke sagen.

 

Wir müssen kämpfen, weil wir sind, wer wir sind.

jana

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